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Jürgen Stein
Intercontinental Allbreed Judge

Interview der Redakteurin Heike Hagenguth mit dem Intercontinental Allbreed Judge Jürgen Stein

 

Als Katzenaussteller begegnet man zwangsläufig vielen Katzenrichtern, doch es bieten sich kaum Gelegenheiten, diese über den Vorgang des Richtens und der Beurteiling hinaus wirklich kennen zu lernen. Zwar stehen Katzenrichter professionell häufig im Rampenlicht, doch über die facettenreichen Privatmenschen und ihr persönliches Engagement erfährt man leider nur wenig. In unserer Serie stellen wir Ihnen bekannte und weniger bekannte, deutsche und ausländische Katzenrichter vor, mit denen wir über verschiedene Gesichtspunkte der Katzenwelt sprechen. Diese Richter haben viele Auszeichnungen und sind wirklich Kenner Ihres Fachs, Link. Sie können diesen Leuten Vertrauen.

 

Kämpferischer Hundezüchter mit Katzenverstand

 

Eine der bekanntesten Persönlichkeiten der deutschen Katzenszene ist der dienstälteste männliche Allbreed-und Intercontinental Richter Jürgen Stein. Zielgerichtet setzt er sich für die Belange der Katzen im In- und Ausland ein, und ist engagierter Geschäftsführender Präsident des Internationaler Royal Cat Club e.V. sowie Geschäftsführender Präsident der European Group Cat Association e.V. (EGCA e.V. / Dachverband für Katzenvereine innerhalb der EU).

Wir sprachen mit Jürgen Stein.

 

 

H.H.: Herr Stein, viele Katzenfreunde begegnen Ihnen auf in- und ausländischen Katzenausstellungen in Ihrer Funktion als Richter und Präsident des IRCC und der EGCA. Wer ist der Privatmann Stein?

 

J.S.: Ich bin jetzt 65 Jahre alt und war beruflich in leitender Position im öffentlichen Bildungswesen u.a. an Universitätskliniken tätig. In den achtziger Jahren war ich als anerkannter Drogenfachmann für zahlreiche staatliche und private Organisationen in ganz Deutschland, als Referent auch an Schulen, bei der Polizei, für die Staatspolitische Gesellschaft etc. und auch praktisch tätig. Vom damaligen Ministerpräsidenten Stoltenberg wurde ich deshalb als „Verdienter Bürger des Landes Schleswig Holstein“ ausgezeichnet.

 

H.H.: Gestatten Sie uns einen Blick in Ihre Katzenhistorie. Wie ist die Liebe zu Katzen und zum Richten entstanden?

 

J.S.: Katzen, insbesondere Perserkatzen, haben mich schon immer fasziniert. Mitte der achtziger Jahre wurde mir die erste Perserkatze ohne Stammbaum geschenkt. Ich besuchte zusammen mit meinem Ehepartner, Herr Lohff, Ausstellungen im In- und Ausland und habe letztlich unter dem Zwingername „of Gayhouse“ langjährig Perserkatzen insbesondere in den Farben Smoke und Cameo gezüchtet. Als Züchter habe ich mir rasch im In- und Ausland einen guten Ruf erworben.

 

In den neunziger Jahren hatte ich etwas Glück, so dass ich seit dieser Zeit nur noch „Privatier“, und jetzt auch Pensionär bin. Dadurch habe ich die Zeit, mich ausschließlich meinen Hobbys Reisen, Katzen und Möpsen widmen zu können. Als begeisterter Katzenfan nahm die Entwicklung eigentlich automatisch ihren ganz natürlichen Verlauf.

 

H.H.: Inzwischen leben in Ihrem Haushalt nur noch Möpse. Wie kam es dazu?

 

J.S.: Auf den „Hund gebracht“ hat mich mein Ehepartner Herr Lohff. Um Irritationen bei Ausstellern vorzubeugen, eigene gezüchtete Tiere richten zu müssen, haben wir unsere eigene Katzenzucht schon vor etlichen Jahren eingestellt.  Trotzdem liegt uns das Ausstellen im Blut, und wir wollten gerne weiter züchten und ausstellen. So haben wir uns auf die Mopszucht verlegt, und dank der Erfolge unserer ersten Hündin waren wir erfreulicherweise auch bei der Hundezucht rasch im In- und Ausland bekannt. Zur Zeit leben zwei Geschwister, ein Rüde und ein Mopsmädchen, bei uns, ein weiteren Mopsrüden habe ich meiner geschiedenen Frau und Tochter geschenkt, ein schwarzer Mops lebt in Dortmund und der kleinste Mopsmann lebt beim Vizepräsidenten unseres Rassekatzenvereins IRCC e.V. in Süddeutschland.

 

H.H.: Wie hat sich Ihre Tätigkeit als Katzenrichter entwickelt?

 

J.S.: Anfang der achtziger Jahre war ich als Vorstandsmitglied des seinerzeit größten deutschen Katzenvereins tätig. Um dem Verein Geld zu sparen wurde ich bedrängt, selbst Katzenrichter zu werden. Mit meiner langjährigen Erfahrung habe ich dann am 10.04.1988 nach den damals für alle deutschen Vereine verbindlichen VEDAK Regeln mein erstes Richterexamen für Langhaar in der Stadthalle Göttingen abgelegt.

Die letzten beiden deutschen Richter, die nach diesen strengen Regeln ausgebildet wurden, sind mein Ehepartner Herr Lohff und ich selbst.

Nicht nur der eigene Verein hat mich seinerzeit gedrängt Richter zu werden, sondern auch viele Richterkollegen und Aussteller anderer Vereine. Ich habe dem nachgegeben und dann in einem Zeitraum von sechs Jahren im In- und Ausland alle Richterexamen abgelegt. Seit dem Jahre 2004 bin ich als vielbeschäftigter Allbreed-Richter vor allem im europäischen Ausland tätig. Zusammen mit meinem Ehepartner und Richterkollegen, Herrn Friedemann Lohff, bin ich auch in Übersee, u.a. auf den Philippinen tätig, und wir sind demzufolge die einzigen deutschen Intercontinental Allbreed Judges. In Deutschland richte ich aus Zeitmangel, aber auch wegen des deutlichen Niedergangs der deutschen Katzenszene, nur noch bei ausgesuchten, seriösen Vereinen.

 

H.H.: Wie ist daraus die Tätigkeit beim IRCC entstanden?

 

J.S.: Nachdem der Verein, dem ich als Vorstandsmitglied angehörte, insolvent wurde, haben mich viele Mitglieder dieses Vereins gebeten, den Verein neu aufzubauen oder einen neuen Verein zu gründen. Mir wurde dann der Vorsitz des bereits seit 1976 bestehende Royal Cat Club angeboten. Mit nahezu 300 Mitgliedern meines Vorgängervereins im Rücken stellte ich mich zur Wahl des 1. Vorsitzenden, wurde einstimmig gewählt und leite nun schon seit 1992 als Geschäftsführender Präsident den mit neuem Namen versehenen Internationalen Royal Cat Club e.V. Unser Verein gehört neben der FIFe zu den drei ältesten Vereinen Deutschlands und darf sich guten Gewissens auch zu den wenigen wirklich großen deutschen Vereinen zählen. Quer durch alle Bundesländer richten wir jährlich sechs bis acht internationale Katzenausstellungen aus.

 

Zusammen mit zehn weiteren Vereinen aus Russland und der Ukraine gründete ich 1994 in St. Petersburg die EURO GUS CAT ASSOCIATION, der rasch 50 Vereine aus West- und Osteuropa angehörten. Aufgrund des  neuen Europäischen Tierschutzgesetzes, das wir stets streng befolgen, wurde diese Organisation 2002 in zwei gleichberechtigte Dachorganisationen für Ost und West aufgeteilt. Für Europa ist dies die EUROPEAN GROUP CAT ASSOCIATION (EGCA e.V.), der ich auf Lebenszeit als Geschäftsführender Präsident vorstehe.

 

H.H.: Wie beurteilen Sie die heutige Katzenszene im Vergleich zu Ihrer Anfangszeit?

 

J.S.: Als einer dar ganz wenigen, zusammen mit meinem Ehepartner Herr Lohff-, weltweit tätigen Richtern, konnte ich die Entwicklung der bereits lange bestehenden, aber auch der neuen Rassen gut beobachten und habe dabei festgestellt, dass sich insbesondere die Kurzhaarrassen in Deutschland einen international sehr guten Ruf erworben haben. Leider kann ich dies bei Halblanghaar nicht bestätigen, obwohl sich erfreulicherweise in den letzten Jahren z.B. bei den Norwegischen Waldkatzen Positives tut. Die Langhaarkatzenzucht hinkt leider bis auf wenige Ausnahmen noch immer den Züchtungen in Amerika, Kanada und Japan hinterher.

 

Im Gegensatz zu früher nennen sich in Deutschland mittlerweile sehr viele Katzenhalter „Züchter“, ohne über die notwendigen Grundkenntnisse hinsichtlich Rassestandards oder gar Genetik zu verfügen. Für viele zählen nur noch Titel, was natürlich zwangsläufig zum Niedergang der Standards führt.

 

Parallel dazu gibt es leider zunehmend auch so genannte Richter, die auf manch dubiose Art und Weise ihre Examen ablegen und häufig über noch weniger Wissen hinsichtlich Genetik und Standards verfügen als seriöse Züchter. Wer in der Vergangenheit Richter werden wollte, musste mindestens eine gute Schulbildung sowie einen ausgeübten Beruf vorweisen, bei der FIFe gar eine Fremdsprache in Wort und Schrift. Auch Etikette-, insbesondere Tischmanieren und Ethik waren wesentliche Voraussetzungen, um Ausstellern als Vorbild zu dienen. Heute tummeln sich in Richterkreisen leider zunehmend Personen, bei denen weder Beruf noch gesellschaftliche Mindeststandards vorhanden sind. Manche sind nicht einmal der deutschen Grammatik mächtig. Wer genauer hinschaut, erlebt auf Katzenausstellungen höchst seltsames und unprofessionelles Gebaren, und auch viele Richterexamen halten einer genaueren Prüfung nicht stand.

 

Leider gibt es auch Vereine, die auf gut ausgebildete und korrekte Richter keinen gesteigerten Wert legen. Hauptsache der Richter kostet nicht viel, macht keinen Ärger durch Einbehalten von Titeln, oder er richtet gar so, wie der Vereinsvorsitzende dies wünscht.

 

So werden in erschreckender Weise oft nicht die Katzen, sondern die Menschen gerichtet.

 

Man muss sich fragen, warum Vereine nicht bereit sind, einer Dachorganisation beizutreten. Ob diese Organisation nun ein e.V. hat, oder einfach ein privater Zusammenschluss ist spielt dann keine Rolle, wenn die Organisatoren ernsthaft um Seriosität bemüht sind und so vor allem für die Vereine kostenlos sind. So kann man Rassestandards und Ausstellungsregeln durchaus vereinheitlichen.

 

H.H.: Welche Trends sehen Sie hier?

 

J.S.:  Insgesamt betrachtet stelle ich fest, dass es noch bis vor zehn Jahren in der deutschen Katzenwelt gesitteter und seriöser zuging, als dies heute leider der Fall ist. Persönlich bevorzuge ich die Richter, die bei der FIFe ausgebildet worden sind oder ihre Ausbildung bei einer offiziellen  Organisation durchlaufen haben, die sich vor allem selbst an ihre eigenen Statuten hält, und die ähnlich strenge Maßstäbe bei der Richterausbildung anlegt wie die FIFe. Bei solchen Organisationen ist ein gewisses gesellschaftliches Niveau obligatorisch. Qualität kostet Zeit, und deshalb benötigt auch eine seriöse Richterausbildung Zeit. Nach meinem Verständnis kann nur der ein guter Richter sein, der bei einer solch offiziellen Organisation seine Ausbildung macht statt im dubiosen Schnellverfahren über Nacht bei Vereinen, die oft selbst einen sehr zweifelhaften Ruf haben.

 

Ich halte auch wenig davon, wenn Vorstandsmitglieder eines Vereins schnell selbst Richter werden, um sich dann auf Gegenseitigkeit Einladungen zukommen zu lassen, oder noch schlimmer, auf Vereinskosten sich angenehme Abende und Städtereisen mit solchen Einladungen verschaffen.  Auch das kann nur den Niedergang der Katzenszene begünstigen. Gegen solche Trends zu arbeiten ist sehr schwer, und wer es tut, macht sich rasch Feinde. Ich selbst erlebe dies fast täglich, kann aber damit gut leben.

 

Erfreulicherweise gibt es immer noch Richterinnen und Richter (auch in Deutschland), die lieber einmal ein Wochenende daheim verbringen, als auf Biegen und Brechen bei jedem x-beliebigen Verein, oder mit äußerst zweifelhaften Kollegen zu richten.

 

H.H.: Viele Kollegen bezeichnen Sie als Schwarzmaler. Wie sehen Sie das?

 

J.S. Ich setze mich für Ehrlichkeit, Qualität, Beständigkeit und Verbesserung ein. Dies sind hohe moralische Werte, für die ich einstehe, egal woher der Trend oder Wind weht. Wer sich nicht der Masse anpasst, wird schnell als Querulant bezeichnet und insbesondere Neider, seien dies „Allerweltsrichter“ oder manche Vereinsvorsitzende, sieht man hier an vorderster Front. Als Vereinspräsident und als Richter hat man aber Verantwortung den Züchtern, Ausstellern und der gesamten Katzenwelt gegenüber. Dafür stehe ich ein und dafür ertrage ich gerne Intrigen, Verleumdungen etc..

 

H.H.: Wie lautet Ihre Empfehlung an Aussteller und Züchter?

 

J.S.: Katzen auszustellen und zu züchten ist ein wunderbares, dankbares Hobby, das mit Herz und Verstand, aber auch mit den notwendigen Geldmitteln betrieben werden sollte. Bevor man mit dem Züchten beginnt, sollte deshalb die eigenen Motive und die eigenen Mittel gründlich überprüft werden.

 

Ein geregeltes Einkommen ist eigentlich Grundvoraussetzung für Züchter.

 

Erfahrene, erfolgreiche Züchter leiten Anfänger gerne an, und seriöse Vereine bieten ihren Mitgliedern jede erdenkliche Hilfe. Bei internationalen Katzenausstellungen sollte man darauf achten, dass die Richter sich nicht nur so nennen, sondern wirklich „international“ anerkannt und bekannt sind. Statt bei jedem Vereinchen in der Nachbarschaft auszustellen und nichtssagende Titel zu erlangen, empfehle ich, lieber einen längeren Reiseweg zu wirklich qualitativ hochwertigen Ausstellungen in Kauf zu nehmen, wo es tatsächlich echte Konkurrenz gibt und erfahrene Richter anwesend sind. Dies gilt auch für die Wahl des richtigen Katzenvereins. Bevor man sich entscheidet, empfiehlt es sich, Ausstellungen verschiedener Vereine zu besuchen und die Abläufe zu beobachten, die Satzungen und diversen Formulare und Leistungen genau zu studieren und mit den Verantwortlichen zu sprechen. Erst nach einem genauen Vergleich sollte man sich an einen Verein binden.

 

Vereinsmitgliedschaft bedeutet zwar nicht zwangsläufig eine lebenslange Bindung, jedoch wirft Vereinshopping ein ungünstiges Licht auf den Aussteller oder Züchter.

 

H.H.: Herr Stein, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

 

 

 



Heike Hagenguth arbeitet seit 1998 als freie Schriftstellerin und Redakteurin für Medien im In- und Ausland, und hat inzwischen mehr als 800 Artikel rund ums Thema Katze in Deutschland, England,  Holland, USA, Kanada, Südafrika, Costa Rica und Ägypten veröffentlicht. Seit 1999 ist Frau Hagenguth professionelles Mitglied der Cat Writers Association Inc. In den USA. Seit Jahren lebt und arbeitet sie in Kairo. Info und Kontakt unter www.heikehagenguth.com